Jun 142018
 

Eines unserer Hauptziele im Harz war die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen. Im Vorfeld unserer Reise habe ich mich um eine Fotogenehmigung bemüht und diese auch erhalten.

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In diesem Artikel möchte ich Euch von unserem Besuch in der Gedenkstätte berichten. Wir besuchen die Ausstellung, das Außengelände und die Stollenanlage. Selten hat mich eine Besucherführung so berührt wie diese …

 

 

Die KZ-Gedenkstätte

Wir fahren morgens von unserem Hotel nach Nordhausen. An der Einfahrt zur Gedenkstätte steht ein Eisenbahnwaggon. In einem solchen wurden in der NS-Zeit die KZ-Zwangsarbeiter wie Tiere eingepfercht in das Lager Mittelbau-Dora gebracht.

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Wir erreichen so gegen 9:30 Uhr die Gedenkstätte. Um diese Zeit ist noch nicht viel los – wir finden leicht einen Parkplatz und spazieren zum Informationszentrum. Davor ist ein großes Modell aufgebaut, welches zeigt, wie das Lager Mittelbau-Dora im Endausbau ausgesehen hat.

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Auf der linken Seite könnt Ihr die vielen Baracken erkennen, in denen die Häftlinge damals untergebracht waren. Am 28. August 1943 kamen die ersten 107 Häftlinge in das Lager. Im Sommer 1944 waren in den Baracken im Lager Dora durchschnittlich 15.000 Häftlinge untergebracht. Im Spätherbst 1944 begann bereits die Auflösungsphase wegen der herannahenden alliierten Armeen. Im April 1945 wurde das Lager geräumt. In der NS-Zeit wurden ca. 60.000 Menschen in das Lager verschleppt. Selbst bei vorsichtiger Schätzung haben mindestens 20.000 davon diese Deportation nicht überlebt.

Auf der Webseite der Gedenkstätte findet Ihr die Öffnungszeiten, die Zeiten der kostenlosen Führung durch die Stollenanlage und viel über die Geschichte des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora.

 

Die Ausstellung

Wir beginnen unseren Tag in der Gedenkstätte mit dem Besuch der Ausstellung. Die vielen Texttafeln informieren uns über das Leiden der KZ-Zwangsarbeiter im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Es gibt viele Bilder, die von den menschenunwürdigen Zuständen erzählen. In den Schaukästen liegen einige Originalexponate, die hier auf dem Gelände gefunden wurden.

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In der Ausstellung wird uns schnell klar, dass es hier nicht um Zwangsarbeit geht, sondern um das systematische Vernichten von Menschen

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In der Mitte der Ausstellung steht eine große Lore, mit der die KZ-Zwangsarbeiter das Gestein, welches bei den Sprengungen der Tunnel anfiel, aus dem Berg schaffen mussten. Diese Loren mussten die Häftlinge mit ihrer eigenen Kraft schieben – Lokomotiven wurden bewusst keine eingesetzt.

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Gegen Ende kommen einige Zeitzeugen zu Wort, die von dem Leben in den Tunneln und im Lager berichten. Bei diesen Berichten wird mir klar, wozu die Nazi damals fähig waren: Sie haben mit deutscher Gründlichkeit ein System geschaffen, um Menschen in großen Mengen zu Tode zu bringen.

 

Das Außengelände

Nach der Besucherführung durch den Stollen spazieren wir über das Außengelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Vorher haben wir uns im Informationszentrum zwei Audioguides ausgeliehen. Diese kosten 5€ pro Guide – meiner Meinung nach eine lohnende Investition, da wir so besser verstehen können, was damals an dieser Stelle geschehen ist. Der Audio-Guide liefert nicht nur Ton, sondern auch Bilder.

Am Eingang stehen noch die Pfosten der Umzäunung. Rechts daneben ein Betonblock mit dem Namen des Lagers. Dieser wurde noch in der DDR-Zeit aufgestellt. Dahinter der große Platz, der sich ebenfalls nicht mehr im Originalzustand befindet. Darauf wurden in der NS-Zeit die Appelle durchgeführt. Dabei mussten alle Häftlinge antreten und wurden gezählt. Diese Zählung konnte mitunter Stunden dauern und wurde jeweils vor und nach der Zwangsarbeit durchgeführt. Passierte dabei ein Fehler oder verstarb sogar ein Häftling während des Appells, so wurde wieder von vorne begonnen.

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Rechts daneben befindet sich eine große Schautafel, die den Aufbau des Lagers in der Zeit seiner größten Ausdehnung zeigt.

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Heute ist von den Baracken nicht mehr viel zu sehen. Von einigen wenigen stehen noch die Grundmauern. Der größte Teil des Geländes ist heute bewaldet – die Natur hat sich die Fläche wieder zurückgeholt. An der Seite stehen die Überreste einer alten Lokomotive.

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Dahinter befindet sich ein SS-Unterstand. Lange Zeit wurde dieses Gebäude für ein Gefängnis gehalten.

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Auf der anderen Seite des Appellplatzes führen Treppen einen Hang hinauf. Wir gehen hinauf. Wir kommen zu einem Gebäude – es ist eines der wenigen, die noch komplett erhalten sind. Es ist das Krematorium, in dem die Leichen verbrannt wurden.

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Wir betreten das Gebäude. Bis auf wenige Ausstellungsstücke ist es leer geräumt.

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Auf dem Boden stehen zwei Tragen.

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Im nächsten Raum stehen die beiden Öfen, von denen nur der linke genutzt wurde. Der rechte ist noch nicht an den Kamin angeschlossen.

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Neben dem Ofen hängen die Gedenktafeln von Opfern.

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Von dem Audioguide erfahre ich, dass hier die Leichen verbrannt wurden und ihre Asche einfach auf den Hang neben dem Gebäude gekippt wurde. Hier wurde damals nicht beerdigt, hier wurde „entsorgt“.

Diese Informationen müssen wir zuerst einmal verdauen. Wir lassen uns Zeit und spazieren über einen Waldweg. Wir kommen am ehemaligen Krankenbereich vorbei. Hier stehen nur noch die Fundamente der Baracken.

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Vom Audio-Guide erfahren wir, dass es nicht die Zielsetzung war, die Kranken zu heilen, sondern sie zu Tode zu bringen. Im Konzentrationslager Mittelbau-Dora wurde der Tod der Häftlinge wissentlich in Kauf genommen, nachdem deren Arbeitskraft aufgebraucht war.

Im Verhältnis zu der großen Anzahl von Häftlingen gab es nur eine kleine Menge an SS-Aufsehern. Die Organisation dieses Lagers erfolgte mittels Insassen, die besondere Rollen und Aufgaben inne hatten und so bei der Arbeitszuteilung auch über Leben und Tod entscheiden konnten. Diese hatten besondere Privilegien. So gab es zum Beispiel ein Kino im Lagerbereich. Von diesem stehen heute nur noch ein paar Mauern und die Fundamente.

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Auch ein Bordell war vorhanden. Den Frauen wurde für ihre Dienste versprochen sie freizulassen – diese Zusage wurde nicht eingehalten, sie wurden später in ein Konzentrationslager verlegt.

Auf dem Rückweg zum Informationszentrum kommen wir an den Fundamenten einer Wäscherei vorbei. Die Kleidung war aus dünnen Leinen und nicht für die Arbeit in den Stollen geeignet. In den seltenen Fällen, wo sie gewaschen wurde, ist sie oft dabei zerfallen.

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Auf unserem Weg finden wir viele Informationstafeln vor, die berichten, welches Gebäude hier einmal gestanden ist. Die Umrisse der ehemaligen Häftlingsbaracken sind mit weißen Steinen markiert.

Wir kommen am Ende unseres Rundganges zu einem Denkmal, welches noch in der DDR-Zeit erbaut wurde.

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Es erinnert an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen.

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Das Denkmal begrenzt die linke Seite des Appellplatzes und verändert damit diese historische Stätte. Heute wird in der Gedenkstätte sehr viel Wert darauf gelegt die historischen Dinge möglichst im Originalzustand zu lassen und die Neubauten (z.B. das Informationszentrum) deutlich durch eine andere Architektur davon unterscheidbar zu machen.

 

Die Stollenanlage

In der Gedenkstätte Mittelbau-Dora ist heute ein Teil der Stollenanlage, in der damals die KZ-Zwangsarbeiter zu Grunde gerichtet wurden, zugänglich. Dies ist ausschließlich im Rahmen einer Besucherführung möglich. Diese ist kostenlos und startet zu festen Zeiten vor dem Informationszentrum. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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Nach dem Krieg wurden die Stolleneingänge durch die sowjetischen Militärbehörden gesprengt. Heute sind sie durch einen neuen Besuchereingang zugänglich.

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Dieser Besuchereingang schafft eine Verbindung von draußen in die rechte Tunnelröhre.

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Im Tunnel angekommen erklärt uns die Besucherführerin zunächst den Aufbau der Stollenanlage. Sie war riesig und besteht aus zwei langen Eisenbahntunneln, von denen Querstollen abgehen. In der Mitte der Querstollen verläuft ein kleinerer Transportstollen längst zu den Eisenbahntunneln.

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Im vorderen Teil der Anlage ist das Deckgestein noch nicht sehr stabil – daher wurden die ersten vier Querstollen nur halb ausgebaut.

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Durch einen Teil dieser Querstollen verläuft die Führung. Ich drehe mich vom Tunnelmodell weg und sehe einen großen Schutthaufen. Dort befindet sich der ehemalige Tunneleingang, der durch die Sprengung verschlossen wurde.

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Davor ist der in der Stollenanlage verbliebene Rest einer V2-Rakete ausgestellt. Es handelt sich um den Antrieb der Rakete.

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Mehr als 6000 dieser Raketen wurde hier unten in den Stollen produziert. Mehr als die Hälfte war durch Fehler bei der Montage oder durch Sabotage nicht einsetzbar.

An den Wänden hängen einige Schautafeln, die die Geschichte der Stollenanlage und das Leben und Leiden der KZ-Zwangsarbeiter darin erklären.

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Ab dieser Stelle führt der Weg über einen Steg aus Gitterrosten. Der Originalzustand des Stollens soll nicht verändert werden. Auf dem Boden liegt noch der Schutt und der Schrott aus der NS-Zeit.

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An dem ersten Querstollen halten wir an. Unsere Besucherführerin erläutert uns, dass von August 1943 bis Januar 1944 in diesem Stollen bis zu 1000 KZ-Zwangsarbeiter untergebracht waren. Insgesamt gab es 4 solcher Stollen. Es gab kein Wasser und keine sanitären Anlagen. Die Arbeiter durften den Stollen nicht verlassen. Im Stollen waren Stockbetten mit vier Etagen aus Holz aufgestellt. Durch die feuchte Luft sind diese schnell verrottet und nicht selten zusammengebrochen. Dabei wurden die darunter Liegenden verletzt oder getötet. Wegen Angst vor Seuchen wurden diese Bereiche nicht von den SS-Aufsehren betreten.

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Mir läuft es kalt den Rücken herunter, als ich dies alles erfahre. Mir ist kalt. Es sind ca. 8° Grad hier unten. Ich habe Hightech-Outdoor-Kleidung an, die mich wärmt und isoliert. Ich stelle mir vor, dass ich jetzt nur einen dünnen Leinenanzug anhätte – ich würde erfrieren. In den Stollen wurde gearbeitet und gesprengt. Das verursacht Lärm und Staub. Zusammen mit der Feuchtigkeit hier unten verklumpt der Staub in den Lungen der Arbeiter. Krankheiten, Seuchen und Todesfälle waren an der Tagesordnung. Dies alles zeigt deutlich, dass es hier nicht darum ging, ein Bauwerk zu errichten und Waffen zu produzieren, sondern dass das Hauptziel dieser Baustelle das massenhafte Vernichten von Menschenleben war!

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Wir folgen weiter der Führung. Rechts sind ein paar Mauern in Stollennischen erkennbar.

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Wir erfahren, dass diese später errichtet wurden und den Ingenieuren als Sanitärräume dienten. Die KZ-Zwangsarbeiter hatten davon nichts.

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Weiter hinten in der Anlage kommen wir an alten Eisengerippen vorbei. Um mehr Platz für die Produktion der Raketen zu haben, wurden hier Decken eingezogen. Auf bis zu drei Etagen waren die Maschinen aufgestellt.

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Neben dem Besuchergang liegt sehr viel Schrott. Die Stollen sind recht schwach ausgeleuchtet. Ich mache alle Bilder aus der Hand. Es fällt mir schwer hier unten vernünftige Bilder zu machen, um unseren Besuch zu dokumentieren.

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Wir erreichen den hintersten Raum, der auf der Führung zugänglich ist. Gut erkennbar sind hier noch die Eisengerüste, die die eingezogenen Decken getragen haben. Der untere Teil des Stollens ist komplett mit Wasser gefüllt.

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Wir befinden uns hier in dem kleinen Transportstollen. Auch in diesem wurden mehrere Decken eingezogen. Hier ist die Konstruktion noch recht gut erhalten.

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Alle Stollen waren mit einer Nummer versehen. Wir befinden uns hier im Querstollen 44, in dem ein Teil der V2-Raketenproduktion bombensicher unter Tage untergebracht war.

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An dieser Stelle endet die Führung. Unsere Besucherführerin erzählt uns noch von einem Gespräch zwischen ihr und einem Überlebenden dieses Lagers. Sie fragte Ihn, ob wir, die den Krieg nicht miterlebt haben, Schuld tragen müssten. Die Antwort des ehemaligen KZ-Häftlings war (in meinen Worten wiedergegeben): Unsere Generation trägt keine Schuld für die NS-Verbrechen; aber wir tragen sehr wohl die Verantwortung dafür, dass diese „braune Idee“, dass nicht alle Menschen gleich wären und es Unterschiede gibt, in unserer heutigen Welt nie wieder Fuß fassen kann.

Dies hat mich sehr berührt! Und ich persönlich finde es auf den Punkt gebracht: Wir müssen uns erinnern, was hier unvorstellbar Grausames passiert ist und alles dafür tun, dass sich „so etwas“ nie wieder ereignen kann. Diese Gedenkstätte leistet ihren Beitrag zum Erinnern.

 

Quellenangabe

Alle Bilder dieses Artikels habe ich selbst angefertigt. Die Quelle aller Bilder in diesem Beitrag ist die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

 

Hinweis zum Fotografieren

Fotos im Außengelände zu rein privaten Zwecken dürfen ohne weitere Genehmigung gemacht werden. Zum Fotografieren in der Stollenanlage und zum Veröffentlichen der Fotos benötigt Ihr eine schriftliche Genehmigung. Auf der Webseite der Gedenkstätte findet Ihr hierzu weitere Informationen.

An dieser Stelle möchte ich mich recht herzlich bei Frau Tödli von der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Ihre gute Unterstützung und die Erteilung der Fotografiererlaubnis bedanken.

 

Mein Fazit

Die Gedenkstätte ist ein Friedhof. An vielen Stellen sind Menschen gestorben, wurden getötet und verbrannt. Es gibt keine Gräber und damit auch keine Möglichkeit für die Angehörigen  zum Andenken am Grab. Hier wurden gezielt Menschen ausgelöscht ohne Spuren zu hinterlassen, ohne ein Andenken zu ermöglichen.

Selten war ich von einer Besucherführung so berührt wie von der in der Gedenkstätte. Ich denke, wir hatten großen Glück mir unserer Besucherführerin: Ich habe sie als junge motivierte Frau wahrgenommen, die uns souverän mit Sachverstand und Fingerspitzengefühl in dieses schwierige Thema eingeführt und alle unsere Fragen geduldig beantwortet hat.

Zusammen mit der Audioguide-Führung auf dem Außengelände und der Ausstellung im Informationszentrum bekommt man eine gute Vorstellung, was in der NS-Zeit hier passiert ist. Ich glaube ein Besuch in dieser Gedenkstätte führt uns drastisch vor Augen wo die „braune Idee“ hinführen kann.

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Wir haben fast den ganzen Tag in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora verbracht. Es war schwer, nach diesem Besuch wieder zur Tagesordnung überzugehen …

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Habt Ihr schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Habt Ihr schon diese oder eine andere Gedenkstätte besucht? Wie immer freue ich mich auf Eure Kommentare unter diesem Beitrag!

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  Eine Antwort zu “Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora im Harz”

  1.  

    Was für ein Bericht, ich bin richtig erschüttert. Was Menschen anderen Menschen antun können.
    Die Bilder sind gut getroffen, geben das dunkle Kapitel der Geschichte entsprechend wieder.
    Danke für diesen Beitrag, danke für ein paar Minuten inne zu halten und der vielen unschuldigen Toten zu erinnern.
    Markus

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