Turmfahrt auf den weißen Riesen in Göttelborn

Fast 90 Meter hoch, seit 2000 stillgelegt und trotzdem noch zugänglich: Der „Weiße Riese“ in Göttelborn! Auf ihn lässt sich per Fahrstuhl bis zu den alten Seilscheiben hinauffahren.

Fördergerüst Schacht 4 der Gruppe Göttelborn

Wie die Aussicht von dort oben während eines Geocaching-Events aussieht und wann die nächste Turmfahrt stattfindet, erfahrt ihr im Beitrag.

 

 

Die ehemalige Grube Göttelborn

Wenn man entlang der Straßen durch den Saarkohlenwald fährt, ist es kaum zu übersehen: das weiße Fördergerüst, das sich weithin sichtbar in den Himmel reckt. Es gehört zur ehemaligen Grube Göttelborn und ist mit fast 90 Metern das höchste seiner Art weltweit – längst ist es zum Wahrzeichen der gesamten Region geworden.

Blick auf das weiße Fördergerüst der ehemaligen Grube Göttelborn

Die Geschichte des Bergbaus reicht hier bis ins Jahr 1446 zurück, als der Begriff „Kollwald“ in der „Quierschieder Jahrgeding“-Urkunde auf den Kohleabbau im Korbachtal hinwies. Der eigentliche industrielle Abbau begann jedoch erst 1887 – die Grube erhielt am 1. August 1886 die Genehmigung der königlich-preußischen Regierung, im Mai des folgenden Jahres begannen die Arbeiten.

In den darauffolgenden Jahrzehnten entwickelte sich Göttelborn zu einer der besten Steinkohlegruben Deutschlands: 1972 wurde ein Rekord von 6034 Kilogramm Kohle pro Mann und Schicht aufgestellt, bei einer Jahresförderung von knapp zwei Millionen Tonnen und nur 2662 Beschäftigten. Umso bitterer ist das Ende: 1988 beschloss die Saarbergwerke AG mit dem „Drei-Standorte-Konzept“, den Verbund Göttelborn/Reden zu einem Hochleistungsbergwerk auszubauen und investierte dafür enorme Summen. Im Januar 1990 begann der Bau des 90 Meter hohen Hightech-Fördergerüsts über Schacht IV, im Dezember 1992 wurde die Endteufe von 1160 Metern erreicht, und im Oktober 1994 war das Gerüst fertiggestellt. Diese als „Zukunftsinvestition“ gefeierte Anlage kostete rund 200 Millionen Euro – und wurde nur sechs Jahre später stillgelegt. Im November 1997 wurde der Plan, Göttelborn zum leistungsfähigsten Bergwerk Europas auszubauen, aufgegeben; am 1. September 2000 fuhren die letzten Bergleute aus und nach 113 Jahren endete die Förderung.

In dieser einmaligen Location veranstalteten die Owner „majema“ am letzten Samstag das besondere Event „Turmfahrt auf den weißen Riesen in Göttelborn„.

 

Spaziergang mit Lostplace-Feeling

Der Landabsatz der ehemaligen Grube Göttelborn war die zentrale Verkaufs- und Verladestelle für Kohleprodukte, die nicht per Bahn, sondern „zu Land“ – also mit dem LKW – an Kleinhändler und Privatleute geliefert wurden. Hier wurden Hausbrandkohle, Eierkohlen, Briketts sowie Bergematerial als Baustoff umgeschlagen. Nach der Schließung der Grube im Jahr 2000 wurde das Gebäude in das Nachnutzungskonzept des Geländes integriert: Es bildet heute den westlichen Eingang zum „Boulevard der Industriekultur“ und ist Teil des denkmalgeschützten Gesamtensembles auf dem ehemaligen Bergwerksgelände. In unmittelbarer Nähe befinden sich heute der Campus Göttelborn der htw saar sowie das Museum IndustrieKultur Saar, sodass der einstige Landabsatz als bauliches Bindeglied zwischen der industriellen Vergangenheit und der zivilen Nachnutzung des Ortes fungiert.

Blick auf den Landabsatz der ehemaligen Grube Göttelborn

Auf dem Weg zum „Weißen Riesen“ ist der „Riese“ hinter dem kleineren Fördergerüst des Schacht 2 schon gut zu sehen.

Blick auf das Fördergerüst von Schacht 2 der Grube Göttelborn

Überall, wo ich hinschaue, entdecke ich Relikte aus vergangenen Tagen: hier eine Lore des ehemaligen Bergwerks.

Lore der Grube Göttelborn

Unser Weg führt uns durch die ehemalige Schachthalle der Grube, die heute komplett vergittert und unzugänglich ist.

Im Innenhof der Schachthalle der Grube Göttelborn

Auf dem riesigen Gebäude thront das kleinere Fördergerüst des Schacht 2.

 Fördewrgerüst 2 über der Schachthalle der Grube Göttelborn

Ich schaue durch die Gitter und entdecke eine offene Tür im Keller der Schachthalle. Was sich da wohl dahinter verbirgt?

offene Tür im Keller der Schachthalle

Wir gehen weiter unter der Schachthalle hindurch in Richtung des „Weißen Riesen“.

Strasse unter der Schachthalle hindurch

Immer wieder schaue ich durch die Gitter und mache unzählige Fotos vom „Innenleben“ – hier ein altes Schild.

altes Schild in der ehemaligen Schachthalle

Im hinteren Durchgang sind auf der linken Seite noch die Treppen zu den oberen Etagen zu sehen.

Treppenhaus in der ehemaligen Schachthalle

Ansonsten ist das Erdgeschoss mittlerweile recht leer.

Erdgeschoss der Schachthalle

Nach dem letzten Durchgang kommen wir wieder ins Freie.

 

Rund um den Weißen Riesen

Der „Weiße Riese“ – das Fördergerüst über Schacht IV der ehemaligen Grube Göttelborn – ist mit knapp 90 Metern Höhe das höchste Fördergerüst seiner Bauart weltweit und zugleich das unverwechselbare Wahrzeichen des Saarlandes. Die Arbeiten an dem avantgardistisch anmutenden Stahlbau begannen am 15. Januar 1990; am 15. Dezember 1992 wurde mit 1.160 Metern die Endteufe des Schachtes erreicht und am 21. Oktober 1994 konnte die Fertigstellung des Gerüsts gefeiert werden.

Fördergerüst Schacht vier in Grube Göttelborn

Technisch war die Anlage ihrer Zeit weit voraus: Die vier quadratischen Stützen haben einen Umfang von je 9,60 Metern, auf der 74,30-Meter-Bühne sind Seilscheiben mit 7,50 Metern Durchmesser montiert, und die Stahlseile messen 68 Millimeter im Durchmesser. Das elektrische Förderaggregat leistete 7,5 Megawatt (rund 10.000 PS) und erlaubte Nutzlasten von bis zu 34 Tonnen bei einer Geschwindigkeit von etwa 65 km/h; in der Seilfahrt konnten bis zu 93 Bergleute mit rund 43 km/h in die Tiefe gebracht werden. Die enorme Höhe war technisch notwendig, um das etwa 27 Meter hohe Fördergefäß vollständig über die Erdoberfläche bis zur Entladebühne zu heben.

Mächtige Stützen des Fördergerüsts von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Die Investitionen für Fördergerüst und Schachtanlage beliefen sich auf etwa 200 Millionen Euro und wurden 1994 noch als „Investition für die Zukunft“ bezeichnet. Doch schon im November 1997 wurde der Plan, das Verbundbergwerk Göttelborn/Reden zu einer der leistungsfähigsten Förderanlagen Europas auszubauen, aufgegeben; am 1. September 2000 fuhr die letzte Schicht.

So wurde der „Weiße Riese“ nach nur rund sechs Jahren tatsächlicher Nutzung zum stillen Zeugen einer verfehlten Kohlepolitik – ein Industriedenkmal von beeindruckender Technik und zugleich ein Mahnmal für den Wandel einer ganzen Ära und die Launen der Politik.

 

Mit dem Fahrstuhl zur Aussichtsplattform

Die Turmfahrten auf den „Weißen Riesen“ werden vom Bergmannsverein Göttelborn angeboten. Dieter Kröner vom Bergmannsverein erzählt mir, dass der Schacht 4 inzwischen mit einem 70 Meter hohen Betonpfropfen verschlossen wurde, und gibt mir weitere Details zu diesem modernen Fördergerüst.

Vor der kleinen, unscheinbaren Tür am Fuße des Fördergerüsts treffen wir auf die Owner und weitere interessierte Geocacher. Dort bezahlen wir 2 € pro Person und gehen ins Innere zum Fahrstuhl.

Höhenanzeige im Fahrstuhl

Dieser Fahrstuhl ist etwas Besonderes: Statt der üblichen Anzeige der einzelnen Etagen wird hier die Höhe über Grund in Metern angezeigt. Ein langsam in Auflösung befindlicher Aufkleber zeigt uns, was auf den einzelnen Höhen zu finden ist.

Aufkleber mit Ausstiegsmöglichkeiten im Fahrstuhl

Unsere Fahrt bis ganz nach oben zu den Seilscheiben dauert einige Minuten.

 

Oben an den Seilscheiben

Die Seilscheiben auf dem Fördergerüst von Schacht IV in Göttelborn gehören zu den eindrucksvollsten technischen Details des „Weißen Riesen“. Mit einem Durchmesser von 7,5 Metern lagern sie in 74 Metern Höhe auf der obersten Bühne des Gerüsts und lenkten die Förderseile von der Maschinenanlage in den darunterliegenden Schacht um.

Seilscheibe auf dem Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Über diese gewaltigen Scheiben liefen Stahlseile mit einem Durchmesser von 6,8 Zentimetern. Die Dimensionierung folgt einem Grundprinzip der Seiltechnik: Der Durchmesser einer Seilscheibe muss deutlich größer sein als der des Seils, um die beim Lauf entstehenden Biegewechselspannungen gering zu halten und Seilrisse zu vermeiden. Die einschlägigen technischen Regelwerke nennen hierfür je nach Seiltyp einen Mindestfaktor von 40 bis 120 im Verhältnis zum Seildurchmesser. Bei 6,8 Zentimetern Seildicke ergibt das einen rechnerischen Mindestdurchmesser von etwa 2,7 bis 8,2 Metern – die tatsächlichen 7,5 Meter lagen also im oberen Bereich des Regelwerks und zeugen von einer soliden, auf Langlebigkeit ausgelegten Konstruktion. Die Konstruktion stammte maßgeblich von Hans-Jürgen Becker, einem in Altenwald geborenen Ingenieur, der 1988 bis 1990 als Mitglied eines etwa zwölfköpfigen Teams an der Planung des Fördergerüsts mitwirkte.

Heute zeugen die noch erhaltenen Seilscheiben von der einstigen Präzision und Dimension dieser Hightech-Förderanlage, die nach nur rund sechs Jahren Betriebszeit stillgelegt wurde.

Die Seile wurden inzwischen entfernt. Die Scheiben sind immer noch gut gelagert und lassen sich mit der Hand drehen.

Bleick durch die Seilscheiben auf dem Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Über der „Aussichtsebene“ mit den Seilscheiben befindet sich nur noch ein recht großer Kran, der für Wartungsarbeiten an der Anlage genutzt werden konnte.

Kran auf dem Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Aber genug der Technik. Nun schaue ich mir die Aussicht an.

 

Die atemberaubende Aussicht auf’s Saarland

Ich schaue zunächst nach Norden.

Blick nach Norden vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Dort sehe ich die historischen Häuser der Bergarbeitersiedlung Göttelborn. Sie entstand überwiegend zwischen 1888 und 1912 als Werkssiedlung des preußischen Bergfiskus für die Beschäftigten der 1887 gegründeten Grube und spiegelt in ihrer Architektur bis heute die soziale Hierarchie zwischen den bescheideneren rotbraunen Arbeiterdoppelhäusern und den repräsentativeren Beamten- und Direktorenvillen wider.

Blick auf Grubensiedlung vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Dann gehe ich zur Südseite und schaue von der Plattform nach unten – Beeindruckend, oder?

Blick nach unten vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Im Süden sind das Kohlekraftwerk Weiher III und davor das Solarkraftwerk Göttelborn zu sehen.

Blick auf Kraftwerk vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Im Westen blicke ich auf die meist historischen Gebäude der ehemaligen Grube Göttelborn und einige Neubauten der Neuansiedlungen auf dem Gelände.

Blick nach Westen vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Die katholische Kirche St. Josef mit ihrem markanten Erscheinungsbild ist im Norden ist gut zu erkennen.

Blick auf Kirche St. Josef vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Danach gehe ich erneut zur Westseite und schau hinunter auf das Fördergerüst vom Schacht 2, welches über die Schachthalle gebaut wurde.

Blick auf Fördergerüst Schacht 2 vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Links daneben und etwas dahinter ist die ehemalige Kohlenwäsche zu sehen.

Blick auf Kohlenwäsche vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Anschließend gehe ich noch einmal zur Nordseite und schaue weit ins Land. Am Horizont ist der  Schaumberg mit seinem markanten Turm zu erkennen.

Blick auf Schaumberg vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Danach noch mal zur gegenüberliegenden Seite, wo sich der saarzwerg gerade etwas von Jörg vom Team Tip&Tap zeigen lässt.

Blick nach Süden vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Von ganz vorn ist es möglich sogar bis zur Bergehalde Reden und dem Gebäude der Alm darauf zu sehen.

Blick zur Alm vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Weiter rechts ist die Autobahn, der Fernmeldeturm von Bildstock und noch weiter rechts sogar das Waldstadion Kaiserlinde (Ursapharm-Arena), wo der mittlerweile in der Bundesliga angekommene SV Elversberg zu Hause ist.

Blick zur Ursapharm-Arena vom Fördergerüst von Schacht 4 der Grube Göttelborn

Dann sehen wir, dass das Logbuch herumgereicht wird.

 

Das Event „Turmfahrt auf den weißen Riesen in Göttelborn“

Nach einiger Zeit kommt das Logbuch zu mir. Ich trage uns ein.

Logbuch von Turmfahrtevent

Anschließend stellen sich alle Geocacher zu einem Gruppenfoto auf. Vielen Dank an dieser Stelle an Dieter Kröner für das schöne Foto.

Gruppenbild vom Turmfahrtevent

Nach einer guten halben Stunde oben entscheiden wir uns, mit dem nächsten Fahrstuhl wieder nach unten zu fahren.

 

Nächste Termine zur Turmfahrt

Die Turmfahrten auf den „Weißen Riesen“ werden vom Bergmannsverein Göttelborn angeboten.

Logo Bergmannsverein Göttelborn

Am Eingang zu dem Fördergerüst entdecke ich den Terminplan für die öffentlichen Turmfahrten. In diesem Jahr werden noch zwei stattfinden: Am Samstag, den 3. Oktober, um 14 Uhr und am Sonntag, den 4. Oktober, um 10 Uhr.

Termine Öffentliche Turmfahrten 2026

Außerhalb dieser beiden Termine könnt Ihr Euch auch an den Bergmannsverein wenden, um eine individuelle Führung für Gruppen zu vereinbaren. Diese kostet derzeit 80 €.

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Wie hat euch mein Bericht über unsere Turmfahrt gefallen? Wäre das auch etwas für euch? Wie immer freue ich mich auf eure Kommentare unter diesem Beitrag!

Saarfuchs

Jörg (Saarfuchs) betreibt Geocaching seit 2008. Sein besonderes Interesse galt zunächst Mysteries, dann den T5-Caches und mittlerweile den Lostplaces. Zu seinen Hobbies gehören Reisen, Fotografieren, Bergwanderungen und Hochtouren. Er geht weltweit auf Dosen-Suche und berichtet in seinem Blog regelmäßig mit vielen Fotos über sein “Geocaching” und damit verwandte Themen.

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